Im Mittelpunkt stand dabei nicht die Frage, ob die Strategie grundsätzlich richtig oder falsch ist, sondern welche Faktoren darüber entscheiden, ob aus einer Strategie tatsächliche Wirkung entsteht.
Die zentrale Erkenntnis des Nachmittags: Die Industriestrategie 2035 adressiert viele der richtigen Themen. Die eigentliche Herausforderung liegt jedoch nicht mehr in der Strategieentwicklung, sondern in ihrer Umsetzung. Nicht die Technologie ist derzeit der Engpass, sondern die Fähigkeit, Veränderungen rasch und wirksam in die Praxis zu bringen. Wettbewerbsfähigkeit wird künftig nicht nur durch Technologie, Kapital oder Energie bestimmt, sondern zunehmend durch Transformationsfähigkeit, Umsetzungsstärke und Geschwindigkeit.



Drei Perspektiven auf die zentrale Herausforderung
Bereits das einleitende Gespräch mit Dr. Martin Tschandl (FH Joanneum), Christoph Robinson (Industriellenvereinigung, Landesgruppe Steiermark) und Enzo Zadra (Austro Papier / Norske Skog) machte deutlich, dass es bei der Industriestrategie nicht nur um einzelne Maßnahmen geht. Im Kern stehen drei miteinander verbundene Fragen:
- Wie sichern wir die industrielle Basis?
- Wie übernehmen Industrie und Politik Verantwortung für die Veränderung?
- Wie wird aus einer Vielzahl von Maßnahmen eine nachvollziehbare Wirkungslogik?
Christoph Robinson betonte, dass Produktion die Voraussetzung dafür ist, die starke Forschungslandschaft aufrechtzuerhalten – verschwinde die Produktion, verschwinde auch der Großteil der Forschung. Enzo Zadra wies darauf hin, dass sich die Industrie in der Vergangenheit zu sehr von der Politik habe verwalten lassen und diese Passivität überwunden werden müsse. Dr. Martin Tschandl brachte es auf den Punkt: Es fehle die Wirkungslogik, also die Klarheit darüber, welche Maßnahme wie auf welches Ziel wirkt.
Die fünf wichtigsten Erkenntnisse
01 Umsetzung braucht eine verbindliche Governance
Viele Maßnahmen der Industriestrategie sind bislang zu wenig mit konkreten Verantwortlichkeiten, Zeitplänen und Budgets hinterlegt. Aus Sicht vieler Teilnehmenden braucht erfolgreiche Umsetzung:
- klare Zuständigkeiten
- konkrete Roadmaps
- nachvollziehbare Finanzierung
- laufendes Monitoring
- regelmäßige Anpassung der Strategie
Die Qualität der Industriestrategie wird letztlich nicht an ihren Formulierungen gemessen werden, sondern an ihrer Wirkung.
02 Geschwindigkeit wird zum Standortvorteil
Viele Teilnehmende sehen eine zunehmende Diskrepanz zwischen den Anforderungen globaler Märkte und der Geschwindigkeit europäischer Entscheidungs- und Genehmigungsprozesse. Besonders häufig genannt wurden:
- langwierige Genehmigungsverfahren
- komplexe regulatorische Anforderungen
- Gold Plating europäischer Vorgaben
- lange Umsetzungszeiten bei Infrastrukturprojekten
Dabei ging es nicht um weniger Qualität oder niedrigere Standards, sondern um die Frage, wie notwendige Entscheidungen schneller wirksam werden können.
03 Energie bleibt die Schlüsselfrage
Im Fokus standen:
- wettbewerbsfähige Energiepreise
- Netzausbau
- Speichertechnologien
- Versorgungssicherheit
- Genehmigungsverfahren für Energieprojekte
Breite Zustimmung bestand zu der Einschätzung, dass Energiepolitik heute unmittelbar Industriepolitik ist.
04 Technologie allein reicht nicht
Österreich verfügt über eine starke Forschungs- und Industrielandschaft. Die Herausforderung liegt weniger im Zugang zu Technologien als in deren wirtschaftlicher Nutzung. Diskutiert wurden insbesondere:
- Technologietransfer
- Digitalisierung
- Datenwirtschaft
- Plattformökonomie
- digitale Souveränität Europas
Die Industrie der Zukunft müsse Produkte, Daten und Dienstleistungen stärker miteinander verbinden – dafür braucht es industrielle Ökosysteme, in denen Unternehmen, Forschung, öffentliche Institutionen und Infrastrukturbetreiber enger zusammenarbeiten.
05 Industrie braucht gesellschaftliche Rückendeckung
Viele Teilnehmende äußerten die Sorge, dass die Bedeutung industrieller Wertschöpfung für Wohlstand, Beschäftigung und Forschung zunehmend aus dem öffentlichen Bewusstsein verschwindet. Diskutiert wurden unter anderem:
- das Image der Industrie
- Leistungsbereitschaft und Unternehmertum
- regionale Wertschöpfung
- die Bedeutung von Industrie für Forschung und Innovation
Breite Zustimmung fand die Überzeugung, dass Industrie ihre Rolle für die Gesellschaft stärker sichtbar machen muss.

Was braucht die Industriestrategie, um Wirkung zu entfalten?
Im zweiten Teil der Veranstaltung haben wir die Ergebnisse gemeinsam mit den Teilnehmenden entlang der vier Faktoren der Change-Formel diskutiert.
Als zentrale Treiber für Veränderung wurden genannt:
- hohe Energiekosten
- geopolitische Unsicherheiten
- globaler Wettbewerbsdruck
- digitale Abhängigkeiten
- Überregulierung und Bürokratie
- Fachkräfteengpässe
- sinkendes Bewusstsein für die Bedeutung industrieller Wertschöpfung
Die Vision der Industriestrategie wurde grundsätzlich positiv bewertet. Gleichzeitig wurden folgende Fragen aufgeworfen:
- Ist die Vision ausreichend konkret?
- Wo liegen die zukünftigen Alleinstellungsmerkmale Österreichs?
- Welche Schlüsseltechnologien sollen tatsächlich Priorität erhalten?
- Reicht die Vision aus, um Menschen, Unternehmen und Investoren zu mobilisieren?
Mehrere Teilnehmende plädierten für mutigere Zukunftsbilder und klarere Prioritäten.

Bei den Ressourcen wurde deutlich, dass Österreich über zahlreiche Stärken verfügt:
- starke Industrieunternehmen
- hohe Forschungsquote
- qualifizierte Fachkräfte
- leistungsfähige Bildungseinrichtungen
- Cluster und Netzwerke
- Innovations- und Kooperationsfähigkeit
Gleichzeitig wurden folgende Engpässe diskutiert:
- Kapitalmarkt
- Risikokapital
- Datennutzung
- Technologietransfer
- regulatorische Komplexität
Als kurzfristige erste Schritte wurden besonders häufig genannt:
- Klare Governance für die Umsetzung der Industriestrategie
- Verantwortlichkeiten und Roadmaps für zentrale Maßnahmen
- Wirkungsorientiertes Monitoring
- Beschleunigung von Genehmigungsprozessen
- Vermeidung von Gold Plating
- Ausbau von Energieinfrastruktur und -speichern
- Stärkung europäischer Datenräume
- Intensivierung des Technologietransfers
- Stärkere Kommunikation der Bedeutung industrieller Wertschöpfung
- Nutzung bestehender regionaler Netzwerke und Partnerschaften
Fazit
Die Diskussionen in Kapfenberg haben gezeigt, dass die Industriestrategie 2035 als wichtiger und notwendiger Schritt gesehen wird. Gleichzeitig wurde deutlich, dass ihre Wirkung nicht durch das Papier selbst entsteht. Entscheidend wird sein, ob es gelingt,
- die Umsetzung zu organisieren,
- Prioritäten zu setzen,
- Investitionen zu beschleunigen,
- Innovationen in Wertschöpfung zu übersetzen,
- und die notwendigen Veränderungen gemeinsam über Unternehmens-, Branchen- und Institutionsgrenzen hinweg zu organisieren.
Die Zukunft des Industriestandorts Österreich entscheidet sich nicht an der Qualität seiner Strategien, sondern an der Qualität ihrer Umsetzung.
Wir bedanken uns herzlich bei der FH JOANNEUM Kapfenberg für die Kooperation sowie bei allen Teilnehmenden für die Offenheit, die Qualität der Diskussionen und die Bereitschaft, unterschiedliche Perspektiven einzubringen.
Sie möchten über die Umsetzung der Industriestrategie 2035 in Ihrem Unternehmen oder Ihrer Organisation sprechen? Sprechen Sie uns direkt an.
Mehr dazu im Artikel von Jörg Anhofer und Johannes Köpl in DER STANDARD:

