Podcast: Die Schöne und das Biest. #18 Alexandra Gruber

Output ist Wirkung

Seit nunmehr 10 Jahren begleiten wir Die Tafel Österreich. Damals noch als Wiener Tafel. Die heutige Geschäftsführerin Alexandra Gruber war zu diesem Zeitpunkt neu in ihrer Rolle – und spürte sehr klar: Der Verein hatte eine Größe erreicht, die nach professionellen Organisationsstrukturen verlangte.

Aus einer rein ehrenamtlich getragenen Initiative wurden erste Anstellungen. Der Vorstand war stark operativ eingebunden. Ein engagiertes, kleines Team – und gleichzeitig die Erkenntnis, dass der nächste Entwicklungsschritt nicht nebenbei zu bewältigen ist.

Und genau deshalb geben wir diesen Organisationen natürlich auch in unserem Podcast die Bühne, die sie verdienen.

Danke für das Vertrauen.
Danke, dass wir diesen Weg gemeinsam – in Verantwortung – gehen dürfen.

Über Alexandra Gruber

Alexandra Gruber ist seit 2015 Geschäftsführerin bei Die Tafel Österreich, die ihren Sitz in Wien hat. Sie absolviert ihr Doktoratsstudium in Pharmazie an der Universität Wien sowie einen MBA an der WU Executive Academy und einen Master in Finance an der Donau-Universität in Krems.

Wir wollen nicht nur über das Besserwerden reden, wir wollen tatsächlich besser werden.
Senden Sie uns Feedback an dieschoeneunddasbiest@trainconsulting.eu.

Wer nicht hören will, muss lesen! Hier der Podcast zum Nachlesen:

»Die Schöne und das Biest. Warum schöne Organisationen die Welt verändern.«

Ein Podcast von Mari Lang und Trainconsulting Geschäftsführer Lothar Wenzl

Mari Lang: Alexandra Gruber ist die Geschäftsführerin der Tafel Österreich und erzählt heute von ihrer Vision einer nachhaltigen und sozialen Welt. Sie spricht darüber, was Leadership und Erfolg in einem Verein, der hauptsächlich durch Spenden finanziert wird, bedeuten kann. Und warum »Um die Ecke denken« manchmal das einzig Sinnvolle ist.

Mari Lang: Herzlich willkommen zu einer neuen Folge von Die Schöne und das Biest sagen:

Lothar Wenzl: Lothar Wenzl

Mari Lang: Und Mari Lang. Wir haben heute eine ganz besondere Gästin, Alexandra Gruber. Sie ist die Geschäftsführerin der Tafel Österreich, einem Verein für sozialen Transfer. Ich würde gerne damit beginnen, wie Alexandra zu uns gekommen ist. Also zuallererst mal Hallo.

Alexandra Gruber: Hallo, Grüß euch.

Mari Lang: Du bist jetzt bei uns und der Weg zu uns hat mit etwas begonnen, was eigentlich für die Tafel sehr prototypisch ist, nämlich mit etwas, wofür ihr total steht: Jeder kann etwas tun. Und das habt ihr hier bewiesen bei uns im Podcast. Ihr habt getan, ihr habt bei uns angeklopft und gesagt: »Wäre das irgendwie möglich, dass wir hier zu Gast sind und über die Tafel erzählen?« Warum wolltest du zu Die Schöne und das Biest kommen?

Alexandra Gruber: Wir haben ein ganz neues Projekt, was wir gerne mit euch teilen wollten, das mit dem Ökosozialen Forum Österreich und Europa läuft. Das heißt »Isst das jemand?« und da geht es um die Lebensmittelverschwendung, die Auswirkungen auf ökologischer, sozialer, aber auch auf ökonomische Weise und was jeder und jede dagegen tun kann. Das ist uns seit 26 Jahren Herzensanliegen, hier lösungsorientiert gemeinsam zu schauen, was wir entlang der ganzen Wertschöpfungskette tun können und da ist natürlich der Haushalt ein ganz, ganz wichtiger Player und deswegen freut es mich besonders, dass ich heute bei euch zu Gast sein darf.

Mari Lang: Wir werden noch eingehender über dieses Projekt sprechen, aber vielleicht noch ganz kurz: euer Themenbereich ist ja, ökologische und soziale Themen miteinander zu verbinden. Und das ist ja auch etwas, was eine schöne Organisation per se auszeichnet, Lothar, oder?

Das Modell für »Schöne Organisationen«

Unternehmen zu steuern ist eine knifflige Sache. Umso mehr, weil die Welt enormen Bedarf an exzellenten, inspirierenden Organisationen als Kontrapunkt zu einer wankenden Gesellschaft hat.

Lothar Wenzl: Ja, also herzlich willkommen, liebe Alexandra. Was mir und uns ein Herzensanliegen ist, ist möglichst die gesamte Komplexität zu erfassen, wenn es um beispielsweise Organisationen geht. Und da geht es letztlich immer um die Frage der Nachhaltigkeit und zwar Nachhaltigkeit auf allen Ebenen. So wie es bei euch nicht nur darum geht, Lebensmittel zu retten und sie wieder gut zu verteilen, werden wir dann gleich hören. Das ist viel, viel mehr. Es geht es auch in Organisationen darum, Soziales, Ökologisches, Ökonomisches so miteinander zu verbinden, und da kann ich jetzt auch sagen Menschliches, Beziehung und Profitables, so miteinander zu verbinden, dass eine Organisation gut in die Zukunft gehen kann. Und das finde ich bei der Tafel Österreich und bei solchen Organisationen, die auch unternehmerisch handeln, besonders eindrucksvoll. Das ist der Weg für Organisationen, wo es hingehen muss aus meiner Sicht.

Mari Lang: Alexandra, magst du vielleicht kurz ein bisschen mehr über das Projekt »Isst das jemand« sprechen? Das ist ja in Kooperation mit dem Ökosozialen Forum Österreich und Europa ins Leben gerufen worden und vor allem, wenn ich das so sagen kann, glaube ich, geht es um Bewusstseinsbildung.

Alexandra Gruber: Genau. Es geht darum, unterschiedliche Stakeholder zusammenzubringen, wir meinen damit Stakeholder von der Landwirtschaft über Produzent:innen, den Handel, die Gemeinschaftsverpflegung, also zum Beispiel Betriebsküchenanbieter, bis hin zum Haushalt. Und wir sehen auch, dass das ein Schnittstellenthema ist und je besser hier die Schnittstellen zusammenarbeiten und auch das große Ganze dahinter sehen, umso effektiver werden wir auch wirklich Lebensmittelverschwendung vermeiden. Und da sehen wir, dass der Dialog sehr hilft. Wir gehen zum Teil auch in die Bundesländer mit Eventformaten, aber auch Podcastformate sind für uns sehr, sehr wertvoll, um aus unseren eigenen Blasen oft rauszukommen und hier mit unseren Themen Neu-Zuhörer:innen zu erreichen und nicht nur unsere eigenen Zuhörer:innen, weil wir glauben, dass wir gemeinsam viel stärker sind. Deswegen ist es so wertvoll, auch bei euch zu Gast sein zu dürfen.

Mari Lang: Gab es so was wie einen auslösenden Moment oder eine zentrale Erkenntnis, warum ihr gesagt habt, dass dieses Projekt jetzt gerade wichtig ist?

Alexandra Gruber: Als Tafel Österreich gehen wir sehr stark in die Landwirtschaft und das Ökosoziale Forum verbindet das Ökologische mit dem Sozialen und daher war es uns wichtig, dass wir auf der einen Seite, Lothar, wie du schon gesagt hast, nicht nur die Lebensmittel retten, sondern auch schauen, wie wir damit einen möglichst hohen sozialen Mehrwert schaffen. Durch die Verschneidung vom Ökologischen mit dem Sozialen war es für uns naheliegend zu sagen »Ja, da tun wir uns mit dem Ökosozialen Forum zusammen« und wir schauen gemeinsam, dass man das Thema Lebensmittelverschwendung nochmals in die Breite bringt und auch vor allem Lösungen anbietet.

Mari Lang: Hast du vielleicht auch ein paar konkrete Zahlen oder Beispiele? Weil Österreich ist ja ein sehr reiches Land, da geht man eigentlich davon aus, dass hier Menschen nicht an Hunger leiden müssen. Wie stehen wir denn da überhaupt da in der Realität?

Alexandra Gruber: Auf der einen Seite haben wir über 1 Million Tonnen Lebensmittelabfälle, die im Jahr entlang der Wertschöpfungskette von der Landwirtschaft bis zum Haushalt anfallen. Davon sind über 50 % in Haushalten. Und auf der anderen Seite gibt es seit dem letzten Jahr eine Studie zur Ernährungsarmut in Österreich, die besagt, dass 420.000 Menschen in Österreich unter schwerer Ernährungsarmut leiden. Darüber hinaus sind 1,1 Millionen Menschen von leichter bis schwerer Ernährungsarmut betroffen. Die wirklich schockierende Zahl jene der Menschen, die unter schwerer Ernährungsarmut leiden und ein Stück weit auch jene Menschen sind, die wir in den sozialen Einrichtungen mit Lebensmitteln versorgen.

Lothar Wenzl: Und das finde ich insofern natürlich alarmierend und wahrscheinlich auch überraschend für viele, weil wenn du sagst 420.000, das sind fast 5 % der Bevölkerung in Österreich leiden unter schwerer und über 1 Million von leichter bis schwerer Ernährungsarmut, da reden wir dann schon von 12 bis 13 % der Bevölkerung und das heißt, jeder kennt wahrscheinlich jemanden. Alleine diese Bewusstseinsbildung halte ich für extrem wichtig.

Mari Lang: Die Tafel Österreich ist vor 26 Jahren gegründet worden, magst du uns vielleicht ein bisschen mitnehmen was sich verändert hat in der Geschichte? Weil natürlich vor allem die letzten Jahre waren geprägt von Inflation, Energiekrise, Teuerungen. Wie merkt ihr das denn in eurer täglichen Arbeit?

Alexandra Gruber: Als es vor 26 Jahren begonnen hat, das war ein reiner Ehrenamtsverein und ganz viel ehrenamtliches Engagement von den damaligen Vorständen. Martin Haider, ein Student der Sozialakademie, hat gemeinsam mit drei weiteren Studentinnen die damalige noch Wiener Tafel, das war bevor wir uns umbenannt haben vor drei Jahren, gegründet. Am Anfang war da ganz großes Unverständnis, auch beim Handel: »Was, ihr wollt unseren Müll abholen?«. worauf hin Martin gesagt hat: »Nein, also das ist ein Missverständnis. Wir wollen die noch guten Lebensmittel von euch haben und da gibt es genug.« Da war am Beginn schon ganz viel Bewusstseinsbildung beim Handel und heutzutage merkt man eigentlich, dass beim Handel diese Bewusstseinsbildung schon sehr lange gut angekommen ist, dass hier geschaut wird, dass wenig Lebensmittel verschwendet werden. Und für uns war das dann auch gleichzeitig ein Auftrag zu schauen, wie wir weiter in die Produktion und Landwirtschaft blicken, wo aus unterschiedlichen Gründen zum Beispiel bei einem Bauern das Gemüse noch am Feld bleibt, eingeackert wird oder vielleicht in der Lagerhalle liegt und keinen Abnehmer mehr findet. Da gibt es unterschiedliche Gründe, auch für Lebensmittelverluste in der Landwirtschaft. Da haben wir bemerkt, dass sich der Kreis zu den Klient:innen schließt, die wir versorgen, weil die vor allem auch diese gesunde Ernährung brauchen, vor allem dieses Obst und Gemüse. Dahingehend hat sich auch bei uns sehr viel in den letzten Jahren getan in Richtung neue Kanäle. Wir gehen sehr stark in die Landwirtschaft, haben aber auch mit dem Handel neue Themen, wie zum Beispiel das Thema Fleischrettung, was natürlich auch einen riesigen ökologischen Fußabdruck hat, aber auch bis hin zur Gemeinschaftsverpflegung in Betriebsküchen, wo hochverarbeitete, tolle Speisen oft im Müll landen. Das ist eigentlich in Zeiten wie diesen nicht zu erklären, wie das sein kann, denn es gibt so viele Menschen, die sich über solche Fertigspeisen freuen.

Mari Lang: Ihr setzt ja an ganz unterschiedlichen Bereichen an, was die Bewusstseinsbildung betrifft. Und du hast es schon geschildert, ihr arbeitet auch viel mit Unternehmen zusammen und auch da hat sich ja in den vergangenen 20, 25 Jahren sehr, sehr viel getan. Ich sage jetzt nur ein paar Stichwörter: CSR, ESG, Sustainable Business. Wie merkt ihr das in der Zusammenarbeit? Ist das einfacher geworden oder müsst ihr noch viel erklären?

Alexandra Gruber: Ich würde sagen, dass gerade bei den meisten Warenspendern der ökologische Impact angekommen ist, warum es wichtig ist, dass keine Lebensmittel im Müll landen. Der Begriff Lebensmittelrettung wurde von uns vor über 26 Jahren eingeführt und mittlerweile ist der Begriff in der Breite, würde ich sagen, angekommen. Jeder rettet Lebensmittel. Auf der anderen Seite würde das Soziale auch noch mehr Aufmerksamkeit brauchen und dass man, nur weil man Lebensmittel rettet, auch schauen muss, wem kommen die Lebensmittel wirklich zugute? Es gibt genug Menschen, die diese Lebensmittel brauchen können. Also dahingehend hat sich viel geändert. Wir merken aber auch, dass viele Warenspender den sozialen Mehrwert begreifen, wenn sie sehen, warum es so wichtig ist, dass wir die Einrichtungen mit Lebensmitteln versorgen. Wenn das erkannt wird, dann ist es oft auch so, dass sie den doppelten Nutzen, nämlich sowohl ökologisch wie auch sozial, sehen. Und der doppelte Nutzen ist etwas, was wir auch heute noch, im Jahr 2025, mehr in die Breite bringen sollten.

Foto: Die Tafel Österreich (c) Thomas Topf

Lothar Wenzl: Was meinst du mit dem Doppelnutzen genau?

Alexandra Gruber: Auf der einen Seite können wir sagen, dass durch die Lebensmittelrettung CO2 Äquivalente eingespart werden. Das nützt der Umwelt und auch dem Klimaschutz, aber das Soziale ist mindestens genauso wichtig. Unsere Arbeit funktioniert so, dass wir die Lebensmittel an soziale Einrichtungen weitergeben und dort gibt es professionelle Sozialarbeiter, die den Menschen aus der eigentlichen Not helfen. Und das muss ja das Ziel sein, weil wenn ich sage, dass ich ein Lebensmittel an eine armutsbetroffene Person weitergeben, ist das zwar gut, aber nach ein paar Stunden wird die Person wieder hungrig sein und man muss überlegen, wo das eigentliche Problem liegt. Ist diese Person wohnungslos, oder gibt es zum Beispiel ein Suchtproblem? Das heißt, man braucht diese Profis in den sozialen Einrichtungen, die dann Hand in Hand mit uns arbeiten, weil wir wissen, wenn wir Lebensmittel liefern, kommen mehr armutsbetroffene Klient:innen in soziale Einrichtungen, nehmen leichter Hilfe in Anspruch und wenn sie satt sind, sind sie auch zugänglicher für Sozialarbeit. Das ist dieser soziale Mehrwert, den wir uns auch mit einer Wirkungsstudie angeschaut haben. Und da schließt sich auch wieder der Kreis zu dieser Nachhaltigkeitsberichterstattung, wo es sehr stark um das Thema Wirkung geht. Da merken wir oft, dass das für viele Unternehmen noch ein neuer Ansatz ist. Was ist eigentlich Wirkung und wie messe ich Wirkung? Aber ich denke, da müssen wir einfach hin und je mehr wir zeigen können, dass wir gemeinsam mit Unternehmen solche Win-Win Situationen schaffen, umso besser kommen wir hier wirklich in der Thematik voran und können hier hoffentlich auch einen Rückgang in den Zahlen erreichen.

Lothar Wenzl: Das fand ich jetzt sehr schön, wie du das beschrieben hast, weil das ist genau das, was wir brauchen. Komplexes Denken, komplexes Handeln. Soziales, nachhaltiges Handeln hängt zusammen mit ökonomischem Handeln, mit politischem Handeln. Das ist das, was ich hier mitnehme. Und dieses Denken in gesamten Lebensketten oder auch Wertschöpfungsketten, ist letztlich das, was uns antreibt.

Mari Lang: Mich würde noch interessieren, Lothar, in der Zusammenarbeit mit Unternehmen, wie erlebst du das denn, wenn Themenfelder miteinander verknüpft werden und wenn man klarer sichtbar macht, dass alles mit allem irgendwie zusammenhängt? Dass das Thema Nachhaltigkeit, so wie du es, Alexandra, so schön beschrieben hast, gar nicht vom sozialen Aspekt zu trennen ist. Und das ist ja auch in einem Unternehmen mit Mitarbeitenden genauso. Also da gibt es ja immer den sozialen Aspekt und wenn man zum Beispiel sagt, man möchte mehr in Richtung Nachhaltigkeit gehen, muss man das ja alles mitnehmen. Wie erlebst du das in der Zusammenarbeit mit Unternehmen? Macht es das leichter, das breitere Denken oder erschwert das eher?

Lothar Wenzl: Das ist eine sehr, sehr gute Frage. Bei mir rattert es gerade im Kopf. Ich fange mal von hinten an, also wenn diese Aspekte zusammenkommen, die Komplexität gedacht und gefühlt werden kann, dann macht das alles leichter.

Mari Lang: Da höre ich sehr oft, entschuldige, dass ich dich unterbreche, aber ich höre dann sehr oft »Na nicht das jetzt auch noch«.

Lothar Wenzl: Genau das ist das Problem, dass wenn wir nicht »das auch noch« mit in Betracht ziehen, nicht zur Essenz kommen, wir kommen nicht zum eigentlichen Thema. Ich nenne das Essenz. Dort, wo man dann nichts mehr weglassen kann, dort, wo man wirklich am Punkt ist. Und wenn wir dort nicht hinkommen, kommen wir nicht auf den Punkt. Und dann tun wir Pflasterpicken, das ist ja auch immer wieder der Vorwurf an solche Organisationen wie eure, dutzende Pflasterpicken und damit verstärkt sich das Problem noch. Deswegen war mir so wichtig hier zu hören, dass auch andere Expert:innen bei euch hinzugezogen werden, damit man mehr Leute erreichen kann. Wenn wir die Komplexität nicht zu Ende denken, kennen wir sie nie, weil wir nicht wissen, was alles da ist, aber wir müssen letztlich groß denken, um auch zu kleinen Lösungen kommen zu können. Sonst greift alles zu kurz. Und deswegen die Antwort noch mal: Wenn wir das denken können, wenn wir eine Organisation oder wenn Organisationen das schaffen, in ihrem Ökosystem zu denken, dann wird alles leichter, weil die Sinnfindung dann funktioniert. Dann würde ja niemand mehr sagen »Ach, das macht keinen Sinn«. Natürlich macht das Sinn, auch noch Therapie anzubieten, auch noch in den Dialog zu gehen, auch noch Bewusstseinsbildung zu machen. Wenn ich dort nicht hinkomme, mache ich eben nur einen Ausschnitt. Gleichzeitig ist es natürlich wahnsinnig schwierig, weil wir dieses Denken weder gelernt haben und daher müssen wir ein neues Denken lernen, Komplexität erfassen zu lernen und das macht es schwierig. Aber in diesen Dialog müssen wir rein. Da haben wir überhaupt keine andere Chance, als dorthin zu zielen.

Foto: Die Tafel Österreich (c) Thomas Topf

Alexandra Gruber: Ich komme ja selber auch aus der Wirtschaft, deswegen kenne ich natürlich immer das kommerzielle Denken im Hintergrund und ich habe vielleicht ein gutes Beispiel, wo es auch greifbar wird, wo ein Unternehmen zuerst einmal das Soziale mit dem Ökologischen verknüpft hat und dann, so ist meine Hypothese, wenn das wirklich gut durchdacht ist und da braucht man vielleicht ein bisschen länger, um da wirklich eine gute Lösung zu finden, die das Soziale und das Ökologische stärkt, wenn die gefunden ist, dann stärkt es auch oft die ökonomische Nachhaltigkeit. Wir haben zum Beispiel mit der Bäckerei Geier, ein ganz langjähriger Warenspender von uns, heuer noch gemeinsam das Geier-Tafelsackerl initiiert. Es werden am Ende des Tages die Lebensmittel, die nicht mehr am nächsten Tag an uns weitergegeben werden können, direkt im Geschäft zu einem vergünstigten Preis verkauft und von jedem Sackerl geht ein Spendenbeitrag an uns und mit jedem Euro können wir wieder fünf Mahlzeiten ermöglichen. Da entsteht auch diese doppelte Nachhaltigkeit. Es hat sich auch jetzt bei einer Umfrage gezeigt, dass die Bäckerei Geier den zweiten Platz im Reputationsranking der heimischen Bäckereien erreicht hat, wo man sehr wohl auch auf solche sozialen und ökologischen Initiativen Bezug nimmt, die müssen authentisch sein und das muss zum Unternehmen passen. Aber da kommen so viele Bausteine zusammen, dass man wirklich erkennt, ja, das ist die Quadratur vom Kreis. Meine Hypothese ist, dass es sich dann auch auf den ökonomischen Erfolg von einem Unternehmen niederschlagen. Reputation ist außerdem wohl auch nicht das Schlechteste, glaube ich, wenn man da in einem Ranking so gut angesehen ist.

Mari Lang: Aber wenn du jetzt zum Beispiel an dieses Beispiel mit der Bäckerei denkst und auch du, Lothar, an Erfolgsgeschichten in eurer Beratung, habt ihr da vielleicht noch so griffige Momente parat, wo ihr sagt »Okay, und das hat dann dazu geführt, dass das überhaupt dann ins Rollen gekommen ist«, dass da ein Verständnis entstanden ist von »Stimmt, das ist eigentlich alles miteinander verknüpft und wir müssen das breit denken, weil sonst kommen wir gar nicht an weder unser ökonomisches Ziel noch an ein anderes Ziel«?

Lothar Wenzl: Ich fange mal an mit wirklich eine Empfehlung. Wir haben das von den Mayo Clinics in Amerika gelernt. Deren Innovationsmotto heißt »Think big, start small, move fast«. Und das heißt aber, dass wir zuerst groß denken müssen. Zuerst müssen wir versuchen, so gut es irgendwie geht, die Gesamtheit, das Ökosystem zu erfassen. Dann kann ich ins Handeln gehen. Und dann muss ich aber klein anfangen. Mit einer Bäckerei, mit einem Handelsunternehmen, was auch immer und dann so schnell wie möglich gehen, damit Selbstwirksamkeit entsteht. Solange das nicht entsteht, können wir auch nicht mehr groß denken und das hängt so stark zusammen. Das heißt also, die großen Momente, die Shifts, wie wir das in Organisationen nennen, passieren dort, wo Menschen miteinander das Gesamte zu erfassen versuchen und auf dieser Basis dann zu völlig neuen Ansätzen kommen. Dann sprudeln sozusagen die kleinen Initiativen automatisch raus. Oder in anderen Worten: Solange wir nicht Simplicity after Complexity machen und nicht die Komplexität so reduzieren, dass wir sie gar nicht mehr erfassen, dann kommen wir zu Dingen wie Anlassgesetzgebung in der Politik. Extrem extrem en vogue, immer an kleinen Beispielen dann Anlassgesetzgebung zu machen, anstatt das große Denken zu lernen. Und solange wir das nicht tun, haben wir keine Chance. Wenn wir das tun, fallen sozusagen die einfachen Lösungen oder die schnelleren Geschichten automatisch aus.

Alexandra Gruber: Ja, ich würde sagen, das trifft sehr gut, was wir in der Praxis machen. Schön also, dass die Theorie das bestätigt, weil ich bin da auch immer sehr wissenschaftlich orientiert oder datengetrieben, weil für uns ist es natürlich wichtig. Wir sind spendenfinanziert und jeder Euro muss einen gesellschaftlichen Mehrwert erzielen, und das müssen wir dem Spender, aber auch einem Fördergeber, glaubhaft machen. Und da brauchen wir eben diese Wirkungsanalysen auch in Richtung Social Return on Investment, dass wir wirklich zeigen können, mit einem Euro entsteht ein gesellschaftlicher Mehrwert von rund 10 Euro. Das hofft man, dass das rauskommt, da sind wir gerade dran, andere Tafeln haben das schon in anderen Ländern. Das machen wir im Kleinen, aber natürlich sitzt dann auch schon im Hinterkopf, wie können wir diese Best Practice Beispiele in die Breite bringen? Deswegen erzähle ich auch gern über solche wirklich greifbaren Beispiele, weil vielleicht denkt sich die nächste Bäckereikette »Ja, das kann ich eigentlich auch und wahrscheinlich nutzt es mir wahrscheinlich sogar«. Oder auch beim Thema Fleisch. Die Frage ist immer, wie können wir das, was wir im Kleinen machen, auch im Großen weiter skalieren, und da müssen wir nicht alles selber machen, sondern da versuchen wir eher, uns als Enabler zu sehen. Wie kann ich soziale Einrichtungen mit Wissen ausstatten, mit Equipment, damit sie vielleicht dann selber das Fleisch aus einer Supermarktfiliale in Zukunft retten können? Wichtig ist, dass wir den Weg vorgeben mit Richtlinien, Guidelines, auch mit Hygieneexperten gemeinsam an Beispielen arbeiten, aber dann zu schauen, wie können wir das in die Breite bringen und in jedem Bundesland Partner finden, damit das Thema auch wirklich groß werden kann. Es liegt gerade in unserem Feld immer sehr an den Partner:innen.

Mari Lang: Ich würde das Gespräch jetzt gerne ein bisschen weiterziehen, und zwar macht es einen Unterschied, ob man ein Verein ist und spendenfinanziert ist oder ein börsennotiertes Unternehmen. Trainconsulting hat ja Die Tafel beraten und vielleicht wollen wir da ein bisschen schauen, erstens, was habt ihr da gemacht, wo waren da die Themen, die ihr bearbeiten wolltet? Und auch das Thema Leadership, inwiefern unterscheidet sich das von einem börsennotieren Unternehmen oder gibt es gar keinen Unterschied?

Alexandra Gruber: Begonnen haben wir vor fast schon über zehn Jahren mit Trainconsulting. Da war ich ziemlich neu damals bei der Wiener Tafel und habe einfach gesehen, dass wir es irrsinnig gut brauchen könnten, einen Außenblick auf unsere Organisation, die schon ein bisschen in der Organisationsstruktur der damaligen Größe hintennach gehinkt ist, zu bekommen. Es war ein Verein, so wie ich erzählt habe, von ganz viel ehrenamtlichen tollen Engagement aufgebaut, aber dann kam schon die Stufe der Professionalisierung, dann kamen erste Mitarbeiter:innen, ein erstes Büro. Der Vorstand in unserem Fall war noch sehr, sehr operativ tätig und da gab es aber schon ein tolles, kleines, aber feines Team und da war es für uns wichtig, diese Organisationsentwicklung durch die Profis von Trainconsulting begleitet zu wissen. Wir durften damals eine Ausschreibung gewinnen, die auf NGOs ausgerichtet war, bei der es darum ging, ein spannendes Projekt einzureichen und wir wurden von einer Jury ausgewählt und konnten, ein Jahr mit euch gemeinsam an einer modernen, zeitgemäßen Organisationsstruktur arbeiten und das hat uns irrsinnig weitergebracht und ist auch heute noch unser Fundament in derTrennung, was macht ein Vorstand, was macht ein operatives Team? Strategie versus operative Umsetzung. Das war ganz wichtig, damit wir dann unseren Weg auch in die Zukunft weitergehen konnten. Wir sind weiter gewachsen, wir haben ein super multiprofessionelles Team und der Vorstand kann sich hier wirklich rein auf die Governance Ebene zurückziehen, was wichtig ist in einem Verein. Wir hatten aber hat natürlich die Sicherheit, dass das Team weiß, was es tut und dass ist die Arbeit hier in den besten Händen aufgehoben ist.

Lothar Wenzl: Diese Dreierunterscheidung Profit versus spendenfinanziert versus von Förderungen abhängig sagt eh schon viel aus, aber sag uns ein bisschen was dazu. Was macht den Unterschied?

Foto: Die Tafel Österreich (c) Gerald Samhaber

Alexandra Gruber: Wir als Tafel Österreich waren eigentlich immer spendenfinanziert. Wir haben uns natürlich trotzdem immer wieder um Förderungen bemüht, das macht ungefähr 10 bis 20 % unserer laufenden Einnahmen aus. Da gehen wir immer in innovative Projekte und schauen, dass wir auch hier mit öffentlichen Fördergeldern nochmals neue Innovationsschübe schaffen, die sonst auch nicht finanzierbar wären. Das muss man ehrlich sagen. Aber wenn man mal diesen Schritt geschafft hat, schauen wir natürlich auch immer, wie können wir ihn weiter auch abseits von einem Fördergeber finanzieren? Weil das macht uns dann auch stark, weil wir hier sehr diversifiziert aufgestellt sind und hier nicht von Fördergebern abhängig sind, was in Zeiten wie diesen auch wirklich schwierig ist, so wie wir es auch bei vielen sozialen Einrichtungen erleben. Das gibt natürlich dann auch eine andere Sicherheit. Wir haben tolle Unternehmenspartnerschaften, aber wir haben auch ganz viele tolle Privatspender:innen, die 5 €, 10 € im Monat spenden. Das ist so eine wichtige Basis, ohne die hätte unser Verein nicht wachsen können. Und die muss auch mit jedem Entwicklungsschub mitwachsen, weil sonst wäre es viel zu unsicher. Und wir versuchen immer zu schauen, wie können wir uns auf unsere Mission fokussieren und da im idealen Fall mit der Politik auch bessere Rahmenbedingungen schaffen, aber nicht nur immer zu schauen, wie finanziere ich mich? Weil das ist ein wichtiger Punkt, aber die Mission sollte immer im Vorrang sein und muss einfach hier immer im Fokus sein. Und das gelingt uns eigentlich ganz gut.

Transforming Organisations

für Top-Manager:innen, Unternehmer:innen und Gestalter:innen von Transformation

Lothar Wenzl: Für mich war deutlich zu hören: Wir kümmern uns um unseren größeren Markt. Wir kümmern uns um das, was wir tatsächlich in die Welt bringen wollen und versuchen, das mit dem Markt ständig zu koppeln. Wie kommen wir zu Spenden? Dann muss ich automatisch über die Grenzen hinausschauen und in die Märkte hinausschauen und unternehmerisch denken, unternehmerisch handeln. Da habe ich nur Förderungen, da werde ich die Fördergeber befriedigen. Und das ist ein völlig anderes Feld. Und das erzeugt natürlich Abhängigkeit. Das andere erzeugt Freiheit. In allen Organisationen, die erfolgreich sind in dem Bereich, wo ihr auch arbeitet, beobachte ich immer das Gleiche: Dort sind Führungskräfte vor allem an der Spitze oder im Führungsteam, die tatsächlich gestalten, die positiv in die Zukunft denken, die versuchen, ihre Märkte mitzugestalten und zwar aktiv, bevor sie selber gestaltet werden und gehen nicht in Abhängigkeiten und warten nicht, bis sie endlich wieder Geld kriegen. Alle, die dies tun werden früher oder später in große Probleme kommen.

Mari Lang: In vor allem geldgetriebenen Unternehmen ist es sehr leicht zu erkennen, was Erfolg bedeutet. Das wird oft einfach an Zahlen gemessen. Was bedeutet denn für die Tafel Erfolg? Wie merkst du, dass ihr erfolgreich seid?

Alexandra Gruber: Das ist eine sehr gute Frage, weil Input ist natürlich bei uns auch Geld, sei es ein Spenden-Euro oder ein Fördergeld-Euro. Der Input ist Geld. Output in der NGO ist aber nicht Geld, sondern Output ist eigentlich Wirkung. Und das versuchen wir auch noch viel stärker auch hinauszubringen, was heißt Wirkung? In unserem Fall sind das dann zum Beispiel jährliche Befragungen, die wir mit den sozialen Einrichtungen machen und wo wir fragen, inwieweit auf einer Skala von 1 bis 10 unsere Lebensmittellieferungen ein positives Beratungs- und Betreuungsumfeld für sie schaffen und inwieweit sie eine gesundheitsförderliche Wirkung haben. Wir kriegen dort einen Response 95 %, da antworten wirklich viele. Zum Teil haben wir Interviews, die auch von der WU geführt wurden, da wir gesagt haben, dass da nicht vielleicht eine sozial erwünschte Antwort kommt. Und da ist durchschnittliche eine 7 bis 8 auf der Skala von 1 bis 10 rausgekommen. Natürlich wollen wir das noch weiter ausbauen. Jede Einrichtung ist aber bei uns sehr anders. Da müssen wir ins Detail gehen, da müssen wir schauen, wie wir r Einrichtungen unterstützen können, vielleicht auch mit Infrastruktur, mit Know-How, damit noch viel mehr Lebensmittel angenommen und verteilt werden können. Der Bedarf ist nämlich da, aber oft fehlt es vielleicht nur an einen Kühlschrank, es mangelt also manchmal an einfachen Dingen.

Mari Lang: Hast du denn für dich oder überhaupt für euch als Verein noch sowas wie eine größere Vision? Wo soll es denn hingehen?

Alexandra Gruber: Also es muss eine Reduktion der Zahlen geben. Es gibt auf EU Ebene erstmals konkrete Handlungsempfehlungen. Die Lebensmittelverschwendung muss um 30 % entlang der Kette reduziert werden, vom Haushalt über den Handel bis hin zur Gemeinschaftsverpflegung, 10 % dann auch in der Produktion. Aber da haben wir wirklich einen Auftrag bis 2030 und es spricht eigentlich nichts dagegen, dass wir diese Umkehr nicht erreichen können. Wie gesagt, ich glaube, wir haben gute Lösungen. Wir müssen es in die Breite kriegen. Wir brauchen zum Teil noch bessere Rahmenbedingungen, auch von der Politik. Aber im Prinzip muss es eine Trendumkehr geben, und die würden wir schaffen, wenn wir hier ganz konsequent vorgehen. Und auf der anderen Seite müssen wir auch eine Trendumkehr bei der Ernährungsarmut schaffen. Beides ist möglich, wenn man es wirklich zusammen betrachtet und wir stehen bereit und werden uns da sehr konstruktiv und lösungsorientiert wie seit 26 Jahren versuchen einzubringen, und auch mit der Politik in den Dialog gehen, was es dafür braucht, damit wir diese Trendumkehr schaffen.

Mari Lang: Was wir hier am Schluss auch immer ganz gerne haben, ist, wenn uns unsere Gästinnen einen Wert oder ein Prinzip, das sie so in ihrem Leben antreibt da lassen. Was wäre das bei dir?

Alexandra Gruber: Also ich würde sagen, das ist die Wertschätzung einerseits für die Arbeit, für die vielen Partner:innen, die wir haben, für die vielen Ehrenamtlichen, für die Hauptamtlichen. Und das ist etwas, was für uns ganz, ganz wichtig ist, auch was uns leitet, dass wir sagen können, dass das einen großen Wert hat, was wir tun. Aber wir geben auch diese Wertschätzung weiter, versuchen das täglich und dann wird es auch hier mehr. Und das ist irgendwie das Schöne daran.

Mari Lang: Wertschätzung, die gebe ich dir jetzt auch zurück. Ich finde das ganz großartig, dass du dich bei uns gemeldet hast, weil man sieht, was für wertvolle Gespräche da rauskommen können und wir hoffen, dass es viele Alexandra gleichtun, oder?

Lothar Wenzl: Absolut.

Mari Lang: Wie das geht, das könnt ihr in den ShowNotes dieser Folge von Die Schöne und das Biest erfahren. An dieser Stelle sage ich vielen Dank, Alexandra, fürs Kommen und für diesen schönen Überblick auch über eure Arbeit, was die Tafel schon seit 26 Jahren leistet in Österreich und was da alles noch kommen wird.

Alexandra Gruber: Vielen Dank euch für das nette Gespräch!

Lothar Wenzl: Ich freue mich auf die weitere Zusammenarbeit und dass wir hier noch viel schaffen.

Mari Lang: Wenn euch der Podcast gefällt, dann freuen wir uns, wenn ihr bei der nächsten Folge auch wieder mit dabei seid und um diese nicht zu verpassen, abonniert doch Die Schöne und das Biest am besten gleich und gebt uns auch eine fünf Sterne Bewertung oder eine, die eurer Meinung nach dem Podcast entspricht. Wir und unsere Gästinnen freuen uns darüber und sagen bis bald.

Portrait von Lothar Wenzl

Lothar Wenzl

Systemischer Unternehmensberater für tiefgreifende Transformationsprozesse, die schöne und erfolgreiche Organisationen gestalten helfen.

l.wenzl@trainconsulting.eu
+43 664 150 23 70

Weitere Episoden