Unsere Berater Johannes Köpl und Jörg Anhofer stellen in ihrem Gastkommentar im DER STANDARD eine unbequeme, aber notwendige Frage: Was nützt die beste Strategie, wenn die Organisationen im Land nicht in der Lage sind, sie umzusetzen?
Die eigentliche Engstelle: Organisation, nicht Technologie
Die meisten Technologien sind verfügbar. Fördermittel werden mobilisiert. Programme werden aufgelegt. Und dennoch kommt Veränderung in vielen Unternehmen nur schleppend voran. Der Grund: Organisationen sind auf Stabilität ausgelegt – nicht auf Transformation. Entscheidungswege sind zu langsam für die Dynamik der Märkte. Verantwortlichkeiten an Schnittstellen bleiben unklar. Führung ist im operativen Alltag gebunden. Und viele Beschäftigte erleben zwar ständige Veränderung – diese erschöpft sich aber oft im Verschieben von Kästchen in Organigrammen.
Das zeigt sich besonders deutlich im industriellen Mittelstand: Förderprojekte starten mit hohen Erwartungen und verlieren in der Umsetzung an Wirkung. Produktivitätsprogramme bleiben hinter ihren Zielen zurück. Nicht weil die Instrumente fehlen – sondern weil die strukturellen Voraussetzungen nicht gegeben sind.
KI als Beispiel: Technologie allein reicht nicht
Ein konkretes Beispiel macht den Unterschied deutlich: Dort, wo der Einsatz von Künstlicher Intelligenz als reines IT-Projekt verstanden wird, bleibt er oft Stückwerk – einzelne Anwendungen, wenig Wirkung. Dort hingegen, wo KI zum Anlass genommen wird, Entscheidungsprozesse neu zu denken, Verantwortlichkeiten zu klären und Zusammenarbeit neu zu organisieren, entsteht tatsächlicher Fortschritt. Das gilt ebenso für Produktions- und Effizienzprogramme: Sie entfalten ihre Wirkung erst dann, wenn sie nicht nur technisch implementiert, sondern strukturell in der Organisation verankert werden.
Was industrielle Transformation wirklich braucht
Wenn industrielle Transformation gelingen soll, braucht es mehr als Technologieoffenheit und Förderprogramme. Es braucht Organisationen, die entscheidungsfähig sind. Führung, die Orientierung gibt und Verantwortung klärt. Und Strukturen, die Zusammenarbeit über klassische Grenzen hinweg ermöglichen – innerhalb von Unternehmen ebenso wie in den zunehmend relevanten industriellen Ökosystemen entlang von Wertschöpfungsketten.
Transformation gelingt dort, wo Menschen Teil davon werden. Nicht dort, wo sie nur betroffen sind.
Die Industriestrategie 2035 beschreibt, was erreicht werden soll. Ob sie wirksam wird, entscheidet sich daran, ob es auch gelingt, die Organisationen im Land dafür in die Lage zu versetzen. Ein Bekenntnis allein wird nicht ausreichen.



