Auf der Suche nach Psychologischer Sicherheit

Eine Reise zwischen Sprachen und Konzepten

In mehreren Ländern und Sprachen zu arbeiten, bedeutet für mich auch, immer wieder zu beobachten, wie sich Begriffe und Konzepte über Sprachgrenzen hinwegbewegen – und dabei verändern. Besonders eindrücklich habe ich das in den frühen 1990er-Jahren erlebt, während des politischen Wandels in Mittel- und Osteuropa. Damals war es eine echte Herausforderung, Begriffe wie policy oder public accountability in lokale Sprachen zu übersetzen. Häufig fehlten nicht nur die Worte, sondern auch die dahinterstehenden Konzepte. Und wenn es doch ein Wort gab, bedeutete es oft etwas ganz anderes. Es reichte nicht, Übersetzungen zu finden – die Ideen mussten auch über die Kreise international gebildeter Expert:innen hinaus gesellschaftlich verankert werden. Das war ein langer, tiefgreifender Prozess, der weit über sprachliche Übertragung hinausging.

Heute beobachte ich einen anderen Prozess – diesmal mit dem Begriff psychologische Sicherheit. Dieser Begriff verbreitet sich aktuell rasend schnell in Management und Beratungsbereichen in allen Sprachen, in denen ich arbeite. Die Übersetzung ist einfach, der Begriff klingt gut und richtig. Kein Wunder, dass er schnell übernommen wird. Doch die Tatsache, dass man ein Wort leicht übersetzen kann, bedeutet nicht, dass das zugrunde liegende Konzept tatsächlich mitreist.

Ein zentraler Teil meiner Arbeit besteht darin, Führungskräfte, Teams und Organisationen dabei zu unterstützen, psychologische Sicherheit aufzubauen, und oft, wenn ich versuche zu erklären, was das bedeutet, nicken Kolleg:innen freundlich, die meist nicht englischsprachige Literatur lesen – ja, wir kennen das, wir nennen es »Safe Space«, »Sicherer Raum«.

Doch genau hier liegt die Gefahr. Die Übersetzung erscheint so offensichtlich, dass Menschen den Begriff mit einem ganz anderen Konzept erfüllen – mit einem, das sie bereits kennen.

Safe Space ist nicht ident mit Psychologischer Sicherheit

Ein Safe Space – ein »sicherer Raum« – ist ein geschützter Raum, in dem Menschen frei sprechen, sich ausdrücken oder einfach sie selbst sein dürfen, ohne Angst vor Abwertung oder Angriff haben zu müssen. Der Begriff stammt aus der Bürgerrechtsbewegung und wird häufig in Mediation und Dialogprozessen verwendet. Es geht um einen bewusst geschaffenen Raum, der möglichst wertfreie und respektvolle Kommunikation, aktives Zuhören, Verständnis, Annäherung und Heilung erlaubt. Ein Raum, der oft zeitlich begrenzt ist und dem Austausch zwischen Fronten, entfernten oder verhärteten gegensätzlichen Perspektiven dient. In der Organisationsentwicklung kann er fragmentiertes Wissen zusammenbringen, unterschiedliche Sichtweisen verbinden und Einigung ermöglichen.

Psychologische Sicherheit hingegen beschreibt ein dauerhaftes Beziehungsklima innerhalb eines Teams oder einer Organisation – eine produktive Umgebung mit Fokus auf Zusammenarbeit, Lernkultur, Innovation und Erfolg.

Amy Edmondson prägte den Begriff, um einen Zustand in der Arbeitswelt zu beschreiben, in dem sich Menschen sicher fühlen, Risiken einzugehen – Fragen zu stellen, Ideen einzubringen, Widerspruch zu äußern und auch intelligente Fehler zuzugeben –, ohne Angst vor negativen Konsequenzen.

Der Begriff wurde für die Arbeitswelt formuliert und zielt auf ein aktives, mutiges, ehrliches und kreatives Verhalten: ohne Masken Fragen zu stellen, Neugier zu zeigen, Ideen einzubringen und zu hinterfragen, von Fehlern zu lernen. Sie kann auch eine gewisse Reibung oder Spannung beinhalten.

Es ist kein wertfreier Raum, sondern ein Rahmen, der auf geteilten Werten der Firma und einem gemeinsamen Purpose beruht. Im Fokus stehen die Ziele, Engagement, produktive Kollaboration und die Art und Weise der gemeinsamen Wertschöpfung.

Es geht dabei nicht um Schonung oder Komfort. Es geht um eine Lernkultur, um Neugier, um Experimentieren, um kritisches Denken und um produktive Spannung. Es ist ein Raum, in dem widersprüchliche Ideen nicht vermieden, sondern konstruktiv genutzt werden. Wo Zugehörigkeit und Ethik nicht Akzeptanz und sich Zurückhaltung bedeuten, sondern sich mutig einzubringen. Respekt ist hier nicht gleichbedeutend mit Harmonie – sondern mit Mut und der Fähigkeit, Unterschiede auszuhalten, Spannungen zu ertragen und diese für gemeinsame Ziele fruchtbar zu machen.

Ein Schritt weiter als der geschützte Raum

Okt 2026
Deep Dive

Führungstraining: Psychologische Sicherheit im Team wirklich verankern. Praxistag & Theorieabend

Psychologische Sicherheit geht über den »Safe Space« hinaus. Sie ist mutiger, aktiver, herausfordernder. Der Begriff meint nicht, dass alles erlaubt ist – sondern bezeichnet ein dauerhaftes Beziehungsklima, das Spannung, Reibung und klare Positionierung aushält. Die nicht-verurteilende Haltung ist auch hier zentral. Es geht dabei aber nicht darum, gar nicht zu urteilen. Im Gegenteil: Für gute Zusammenarbeit brauchen wir Urteilsfähigkeit, Haltung und den Mut, schnell und offen zu kommunizieren, effizient weiterzuarbeiten und davon schnell zu lernen. Eine Haltung der Offenheit, die auf Vernetzung und Weiterdenken ausgerichtet ist.

In diesem Raum herrscht auch Respekt, aber eine andere Art des Respekts, mit Fokus auf produktives Miteinander – auch wenn das unbequem ist.

Der Grund, warum ich es wichtig finde, dieses Konzept zu erläutern, liegt darin, dass zahlreiche Forschungen der letzten zehn Jahre gezeigt haben, dass psychologische Sicherheit der wichtigste Faktor ist, um die Effektivität und schnelle Lernkultur von Teams zu erklären. Eine der umfangreichsten Studien war dabei Googles Projekt »Aristotle«, in dessen Rahmen über drei Jahre hinweg 180 Teams untersucht wurden, um zu verstehen, was erfolgreiche Teams ausmacht.

Dieser Zustand entsteht nicht über Nacht. Er braucht Zeit. Er braucht das Abbauen von Masken und Schutzmauern. Ich versuche immer, meine Gruppen in diese Richtung zu leiten und Führungskräfte dabei zu unterstützen, solche Beziehungsqualität in den eigenen Umgebungen zu gestalten – und manchmal passiert es tatsächlich. Die Masken fallen. Menschen sprechen ehrlich und direkt, können einander wirklich zuhören, sind neugierig, offen und denken die Ideen der anderen weiter. Und plötzlich öffnet sich ein Raum, in dem ein besonderes Miteinander möglich wird. Wer das einmal erlebt hat, wird es nicht vergessen.

Doch auch über solche berührenden Momente hinaus sind diese Räume heutzutage zwingend notwendig. In einer chaotischen Welt brauchen wir Räume, in denen wir ehrlich über zentrale Fragen sprechen können. Räume, die es uns erlauben, überholte Positionen und Konventionen zu hinterfragen – um in einer sich ständig wandelnden Realität adäquate Antworten zu finden.

Katalin Pallai

Trainerin für Ethik und Führung, Keynote Speakerin und Begleiterin von Führungskräften und Organisationen bei der Festigung ihres inneren Kompasses für Entscheidungen

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