Grenzen – der politische Diskurs der Gegenwart

Grenzen dominieren die politische Diskussion.

Auf der einen Seite: Mauern bauen, keinen reinlassen. Unsere Aufnahmekapazitäten sind begrenzt.

Und zugleich: keine Grenzen für das Individuum, keine Grenzen durch Gesetze für die Politik. Grenzenloses Wachstum. Jeder soll rauchen, 140 fahren und an Masern erkranken dürfen. Political Correctness schränkt Freiheit ein. „Das wird man wohl noch sagen dürfen.“


„Der Sinn von Grenzen ist die Begrenzung von Sinn.“ 1
Helmut Willke

Auf der anderen Seite: Wir sind an Grenzen des Wachstums gestoßen. Unser Planet ist begrenzt. Ressourcen sind begrenzt.

Und zugleich: Menschenrechte und Demokratie haben keine Grenzen. Wir müssen die Grenzüberschreitungen der extremen Rechten verhindern. Es gibt Grenzen des Anstands.

Wie kommt es, dass der politische Diskurs jetzt dieses Thema aufgreift?

Ein Blick zurück: Die Geschichte der Debatte

1968: Die Studentenbewegung

Die Studentenbewegung 1968 hat massiv Grenzen aufgebrochen: Grenzen des Denkens (Frankfurter Schule), der Form des politischen Diskurses („Teach-ins“), der Moral („Wer zweimal mit der Gleichen pennt, gehört schon zum Establishment“), der Autorität („Unter den Talaren der Mief von 1000 Jahren“).

Der politische Impuls war zum einen ein Aufarbeiten des Faschismus durch eine neue Generation. Zum anderen war es eine Jugendrebellion, in deren Zentrum das „freie Individuum“ stand, das – wie jede Jugend – Autorität infrage stellte. Antiautoritäre Pädagogik, Selbstreflexion und ein neues „zu sich selbst Kommen“ waren die Themen. Psychoanalyse und Marxismus – der Mensch und die Gesellschaft, vor allem aber: die Ökonomie, das waren die Themen.

Die philosophische Leistung der 1968er Bewegung liegt in der Verbindung des „Persönlichen“ und „Privaten“ mit allem „Politischen“: „Alles ist Politik“. Der Mensch ist ein politisches Subjekt. Die Studentenbewegung war kein biedermeierlicher Rückzug, sondern ein offensiver öffentlicher Diskurs.

1968 belebte den Begriff des freien und verantwortlichen Individuums als Reaktion auf die Massenbewegung des Faschismus und auf das Untertanendenken, das in Österreich durch Habsburg eine 600jährige Tradition hat. Das Individuum und seine Freiheit waren Ziel einer neuen Gesellschaft und der Politik.

Freiheit ist grenzenlos. Grenzen sind Freiheitsberaubung.

1970: die Geburt des Neoliberalismus

Genau in dieser Zeit – in den 1970er Jahren – formierte sich in unterschiedlichen gesellschaftlichen Bereichen der Siegeszug des neoliberalen Wirtschafts- und Gesellschaftsmodells. Im Wissenschaftsfeld waren es die auf den Ökonomen Milton Friedman gestützten „Chicago Boys“ der University of Chicago, die das neoliberale Modell zunächst in Chile (durch den Putsch an Allende vorbereitet) erprobten. In der Politik waren es Margaret Thatcher und Ronald Reagan, die ihre Staaten umbauten und eine Deregulierung der Wirtschaft ermöglichten. In China öffnete Mao das Land für die neue Wirtschaftsform.

„Der Neoliberalismus ist zunächst einmal eine Theorie politisch-ökonomischen Handelns, die davon ausgeht, dass man den Wohlstand der Menschen optimal fördert, indem man die individuellen unternehmerischen Freiheiten und Fähigkeiten freisetzt, und zwar innerhalb eines intentionellen Rahmens, dessen Kennzeichen gesicherte private Eigentumsrechte, freie Märkte und freier Handeln sind.“ 2

Dieses Konzept griff sehr geschickt jene Werte auf, die sich nicht zuletzt die Studentenbewegung 1968 – in der Tradition der Französischen Revolution und des Liberalismus – auf ihre Fahnen geheftet hatte: Freiheit. Der Begriff der „Freiheit“ wurde im Handumdrehen mit dem Begriff des „Marktes“ gekoppelt, und fertig war die „Freie Marktwirtschaft“. Das bedeutete: Deregulierung vor allem der Finanzmärkte, Beseitigen aller Barrieren, die das Wachsen der Wirtschaft behindern könnten.

Aber Neoliberalismus ist weit mehr als „nur“ ein Wirtschaftskonzept.

„Der Neoliberalismus ist zur herrschenden Denk- und Handlungsweise geworden, und zwar so weitgehend, dass neoliberale Interpretationen sich häufig in den ‚gesunden Menschenverstand‘ eingeschlichen haben, mit dem viele Menschen ihr Alltagsleben und das Funktionieren unserer Welt wahrnehmen und interpretieren.“ 3

 Neoliberale Konzepte prägen unsere Universitäten, die Politik und unser Alltagsbewusstsein. Globalisierung – hervorgerufen durch Deregulierung der Finanzmärkte, neue Technologien der Kommunikation und Datenbewirtschaftung und nicht zuletzt durch den Zusammenbruch der kommunistischen Ideologie und der Sowjetunion – bestimmen heute unser gesellschaftliches Leben und Denken.

TINA - „There is no alternative“, so brachte es Margaret Thatcher es auf den Punkt. Das neoliberale Modell war von Anfang an global und damit grenzenlos angelegt.

Wo keine Alternative, da keine Wahrnehmung. Wir können den Neoliberalismus kaum noch wahrnehmen, weil wir keinen Unterschied zur Verfügung haben. Dafür muss höchstens immer wieder der alte Popanz „Kommunismus“ als Abschreckung herhalten. Das neoliberale Konzept kann sich durch seine Grenzenlosigkeit unsichtbar machen. Man ist an den Film „Matrix“ erinnert.

Mit dem neoliberalen Freiheits- und Grenzenlosigkeitsbegriff ist ein weiterer Begriff in den Mainstream geraten: Wachstum. Es genügt nicht, dass Wirtschaft „frei“ und grenzenlos ist, sie muss auch permanent und grenzenlos wachsen. „Wachstum“ ist der neue Kampfbegriff, mit dem sich jede politische Entscheidung argumentieren lässt.

Zugleich wird heute der Freiheitsbegriff des Individuums mit dem Begriff der „Leistung“ gekoppelt. Frei ist und darf sein, wer Leistung erbringt. Wer Leistung erbringt, trägt zum Wachstum bei. So einfach geht das.

Wo stehen wir heute?

Wir erleben heute eine interessante Bedeutungs-Verdrehung des Freiheitsbegriffs und der Bedeutung von Grenzen:

Während die „Rechten“ (Konservative bis Rechtsextreme) den Begriff der Freiheit für sich in Anspruch genommen haben, vertreten die „Linken“ (rot bis grün) die Begrenzung von Freiheit als Notwendigkeit.

Der Begriff der Freiheit wird wieder – wie bereits in der neoliberalen Wende – demagogisch missbraucht: der Rechtsruck definiert Freiheit als „Freiheit für UNS“ und macht damit eine Grenze auf zwischen einem „Wir – das Volk“ und „die Anderen – die Fremden“. Wir müssen „unsere Freiheit“ vor den „Anderen“ schützen. Bei den anderen endet Freiheit.

Selbstverständlich empören „wir Demokraten“ uns heute darüber, denn es werden hier auch ethisch-moralische, ja sogar rechtliche und Verfassungsgrenzen überschritten. Und viele wissen es: wenn einmal die „Freiheit der Anderen“ bekämpft wird, werden es sehr bald wir selbst sein, die keine Freiheit mehr haben, denn die „Wir-Grenze“ ist beliebig ziehbar.

Und doch scheint es, als hätten die rechten Demagogen wieder einmal einen Punkt erkannt, der wichtig ist und den wir ernst nehmen sollten: Sie haben den Begriff der Grenzen zu Recht in den Diskurs gebracht. Wir wissen, dass rechte Demagogen und Ideologen Begriffe beliebig be- und missbrauchen. Sie füllen sie mit ihren Inhalten, Bildern und Geschichten. Das sollte „uns“, die ich hier einmal als die konstruktiven und liberalen Kräfte bezeichnen will, nicht daran hindern, diese Begriffe weiterhin zu verwenden und mit anderen Inhalten zu füllen.

Also „Grenzen“

Die Idee – das Narrativ – der grenzenlosen Freiheit des Menschen, wie sie nicht zuletzt durch meine Generation 1968 erzählt wurde, ist bei genauerem Hinsehen ein Kindertraum. Es ist der Kindertraum, dass etwas ewig wachsen könnte, dass es immer elterliche Liebe und Schokolade geben wird. Grenzenlosigkeit ist ein frommer Kinderwunsch, den man träumt, wenn man noch ein unendlich langes Leben vor sich und die ganze Welt zur Verfügung hat.

Das gilt auch für das neoliberale Konzept der grenzenlosen Freiheit und des grenzenlosen Wachstums der Wirtschaft und dem Traum vom unendlichen individuellen Reichtum. Es ist ein Kindertraum.

Kinder lernen in ihrer Sozialisation, dass es Grenzen gibt. Ein mühsamer Prozess, oft von Trotz und Wut begleitet. Jugendlicher Freiheitswunsch gegen erwachsene „Vernunft“ – wie langweilig!

1972 kamen die ersten mahnenden Worte der Erwachsenen: Der Club of Rome brachte seine Studie von den „Grenzen des Wachstums“ heraus.4 Eine Öffentlichkeit erfuhr, dass es Grenzen gibt: an Ressourcen, an Möglichkeiten. Wir dürfen also nicht mehr alles, was wir wollen und auch können.

Auch das bedrohliche Wettrüsten kam an einen Punkt, an dem die Gefahr so groß wurde, dass ihnen Grenzen in Form von Abrüstungsverträgen gesetzt werden mussten – der jetzt von einem kindlichen Präsidenten aufgekündigt wurde.

Und schließlich rückte „Mutter Erde“ mit warnenden Zeichen aus, um uns unsere definitiven Grenzen als Menschheit aufzuzeigen: die Uhr tickt, die Klimakatastrophe zeigt uns unsere Grenze auf.

Die Politik reagiert heute darauf wie ein pubertierendes Kind: Klimawandel wird trotzig geleugnet, es wird weiter produziert und Umwelt zerstört, als gäbe es kein Morgen. Wir haben zunehmend unreifes Personal an den zentralen Stellen politischer Entscheidungen. Es sieht so aus, als wären Begriffe wie „Verantwortung“ und „Vernunft“ aus dem politischen und wirtschaftlichen Vokabular gestrichen. Kinder mögen diese Begriffe nicht.

Der Traum der Grenzenlosigkeit hat uns an einen Abgrund geführt.

Wenn wir heute über gesellschaftlichen Wandel nachdenken, der über den „VUCA“-Begriff hinausweist, dann könnte es sich um einen Prozess des Erwachsenwerdens der (westlichen) Gesellschaft handeln. Um zu überleben, werden wir wohl erwachsen werden und Grenzen akzeptieren müssen.

Es sind erstaunlicherweise die Kinder und Jugendlichen, die derzeit die Rolle der Erwachsenen einnehmen und erwachsenes Verhalten einfordern. Die 16jährige Greta Thunberg ist Gallionsfigur für eine breite und wachsende Bewegung von jungen Menschen geworden, die von „uns“ älterer Generation eine Welt übernehmen, die in 12 Jahren nicht mehr lebenswert sein wird.5

Diese junge Generation muss ihre kindischen und egomanischen „Alten“ buchstäblich zur Vernunft bringen.

Ausblick: Fürchtet euch – aber vor den rechten (sic!) Dingen!

Für Systemiker sind Grenzen immer schon relevant: Ohne Grenzziehung und Unterscheidung keine Wahrnehmung. Ohne Grenzen keine Welt für uns. George Spencer Brown hat uns gelehrt: Draw a difference! Wir erschaffen unsere Welt, indem der/die BeobachterIn eine SINNGRENZE zieht und zwischen einem „Innen“ (System) und einem „Außen“ (Umwelt) unterscheidet. Grenzen stiften also Sinn. Und Sinn stiftet Grenzen. Grenzen haben und geben Sinn.

Als systemische OrganisationsberaterInnen ist Veränderung von großen lebenden Systemen unser Geschäft.

Mit dieser Brille der systemischen Beratung und Begleitung von Veränderung lässt sich doch auch einiges über den Prozess, in dem wir derzeit als Gesellschaft stecken – ja: stecken – sagen.

Wir befinden uns – das weiß heute jeder – in einer sehr kritischen Umbruchsituation. Etwas geht zu Ende, etwas Neues ist noch nicht geboren.

Zu Ende geht das kindliche Zeitalter der Grenzenlosigkeit. Weder Wachstum noch Freiheit werden bleiben. Das Neue muss erst sichtbar werden, es muss genährt und gepflegt werden. Erwachsen werden – das wäre wohl ein Paradigmenwechsel, der über „VUCA“ hinausweist! Erwachsen werden geht nicht ohne Grenzen. Und es geht nicht ohne Angst.

Jede Veränderung braucht – wie es Edgar Schein ausdrückt – zweierlei Angst: die eine Angst, dass alles so bleibt, wie es ist, die andere ist die Angst vor Veränderung, vor dem Ungewissen. Wichtig für Veränderungen ist, dass die Angst, dass alles bleibt, wie es ist, größer ist, als die Angst vor der Veränderung.

 Wovor also sollten wir Angst haben? Als Gesellschaft sollten wir Angst haben, dass

  • Demokratie weiter ausgehöhlt, unterwandert und schließlich abgeschafft wird,
  • die Klimakatastrophe eintritt, weil das schnelle Geschäft und der persönliche Gewinn wertvoller sind als das gemeinsame Überleben,
  • soziale Gegensätze steigen und der gesellschaftliche Zusammenhalt zerbricht und wir in Kriegen versinken könnten,
  • unsere Hirne unterwandert werden und wir alle verblöden und nicht mehr erkennen können, was uns schadet.

Mit diesen Ängsten ausgestattet könnten wir doch einige Möglichkeiten andenken, die Situation zu verbessern.

Ich schlage vor, dass wir uns zu allererst unsere Sprache wieder zurückholen.

  1. Grenzen sind wichtig, sie ermöglichen es uns, Unterscheidungen vorzunehmen, wahrzunehmen, Identität zu bilden. Grenzen ermöglichen Diskurs und Dialog. Wir brauchen Grenzen, wir tragen zugleich Verantwortung dafür, wie und wo wir sie ziehen.
  2. Globalisierung hat immer schon – das wissen wir seit Buddha – den Umstand betroffen, dass alles mit allem zusammenhängt. Wir sind immer schon ein großes Ganzes, das verlangt ebenfalls Verantwortung von uns.
  3. Freiheit ist gut. Sie ermöglicht Neues zu denken, zu entdecken. Freiheit ist ohne Grenze allerdings nicht einmal intellektuell denkbar. Wäre alles frei, hätten wir nicht einmal ein Wort dafür.
  4. Wachstum ist gut. Es bedeutet Entwicklung, Reifung. Wir können Wachstum heute neu definieren, wie es etwa in der aktuellen Trendstudie des Zukunftsinstitutes geschieht: „Next Growth – Wachstum neu denken“6 als Wachstum an Qualität (anstatt an Quantität), Wachstum an Werten, an Empathie. Wachstum, das bedeutet wach werden, erwachsen werden.

Der Prozess des Wandels – von der kindlichen Idee der Grenzenlosigkeit von Freiheit und Wachstum zu einer erwachsenen Weltsicht von Verantwortung und Vernunft. Das muss nicht immer mit Verzicht, Lustverlust und erhobenem Zeigefinger einhergehen.

Und dann brauchen wir den öffentlichen Diskurs, der uns Selbsterkenntnis ermöglicht, der unseren Blick erweitert und uns gemeinsam nach Lösungen für uns alle suchen lässt.

Drittens könnten wir – wer immer sich angesprochen fühlt – jene Menschen und Organisationen unterstützen, die heute schon an einer Zukunft von Verantwortung und Vernunft, also einer erwachsenen Welt arbeiten: die NGOs, die sich für unterschiedliche Themen einsetzen, die Menschen, vor allem die jungen Menschen, die von uns Erwachsenen Verantwortung und Vernunft einfordern, die Medien, die ihre aufklärerische Aufgabe ernst nehmen, die Künstler, die uns den Spiegel vorhalten, die vielen Personen, die helfen, spenden, sich äußern.

Wir von trainconsulting wollen und werden unseren Beitrag dazu leisten, indem wir NGOs unterstützen und mehr „Öffentlichen Raum“ zur Verfügung stellen. Wir denken, dass wir wieder Begegnung brauchen, Dialog, und gemeinsames Lernen.

Das nächste Systemicum am 19.03.2020 wird ein solcher Raum sein. Thema: Gesellschaftlicher Wandel anhand der Fragen von

  • Arbeit
  • Organisation
  • Führung
  • Kultur und Identität



1 Helmut Willke: Systemtheorie I.: Grundlagen7. Stuttgart 2006. S. 55
2 David Harvey: Kleine Geschichte des Neoliberalismus. Rotpunktverlag. Zürich 2007. S. 8
3 Ebd. S. 9
4 https://de.wikipedia.org/wiki/Die_Grenzen_des_Wachstums
5 Ebd.
6 Trendstudie 2018. Zukunftsinstitut GmbH. Frankfurt / Main 2018.


 

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Ruth Seliger

Ruth Seliger

Geschäftsführende Gesellschafterin von trainconsulting, systemische Beraterin für umfassende Veränderungsvorhaben in Organisationen und Entwicklung von Führung, Mitglied der ÖGGO
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