Insights Change im Krankenhaus

Krankenhäuser sind Organisationen, in denen der laufende Betrieb unter allen Umständen aufrechterhalten werden muss. Was bedeutet das für Veränderungsvorhaben, die die eingespielten Routinen zunächst einmal stören?

Erfahrene Führungspersönlichkeiten aus zwei Krankenhausorganisationen geben Einblick in große Change-Prozesse und erzählen, wie Veränderung unter schwierigen Rahmenbedingungen gelingt.

Ein Rückblick auf unseren Insights-Abend

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Die Leiterin der internen Organisationsentwicklung der Tirol Kliniken Dr. Martina Augl und der Medizinische Direktor des Klinikums Fürth Dr. Manfred Wagner haben am 14. September 2017 mit mehr als dreißig Führungskräften und OE-ExpertInnen ihre Erfahrungen mit Veränderungsprozessen diskutiert.

Wie gelingt Veränderung im Krankenhaus, in dem es rund um die Uhr und jeden Tag im Jahr um das Überleben und Gesundwerden von Menschen geht? Diese Frage bildete den Ausgangspunkt der beiden Präsentationen.

Manfred Wagner berichtete – unterstützt von Ruth Seliger und Johannes Köpl – von der Ausgangslage. Das Klinikum Fürth ist mit rund 2.500 MitarbeiterInnen eines der drei großen Krankenhäuser in der Metropolregion Nürnberg. In der „Hochsicherheitsorganisation“ Krankenhaus ist Führung und die Kommunikation unter Berufsgruppen besonders wichtig. Krankenhäuser haben es naturgemäß mit Krankheit zu tun. Wie gelingt es also, in einer per se defizitorientierten Organisation ein kooperatives Arbeitsklima, gute Kommunikation und Zuversicht zu fördern? Das ist Aufgabe von Führung. Führung wird im Krankenhaus, wie in vielen Expertenorganisationen, weitgehend als notwendige Nebentätigkeit oder sogar als lästige Störung empfunden. In Fürth läuft das jetzt anders. Mehr als 200 Führungskräfte setzen sich im Rahmen eines Positive Leadership-Projektes mit der Rolle und Wirkung von Führung auseinander.

Wagner dazu: „Heute würde ich das nicht mehr so nennen. Der Begriff Positive Leadership suggeriert, dass man die Organisation ausschließlich durch die rosa Brille anschaut. Aber beides ist wichtig: Stärkenorientierung und die Aufmerksamkeit auf Problemlösungen und Verbesserungsmöglichkeiten. Beim Notfall in der Notaufnahme braucht es kurze Kommunikationswege, rasche Abläufe und Fehler müssen sofort erkannt und behoben werden. Wenn die Führungskraft dann aber mit ihrem Team die Prozesse reflektiert und verbessert, ist der Blick auf Ressourcen und Stärken absolut wichtig.“ Bemerkenswert ist, so Wagner, wie die Führungskräfte sich auf den Prozess einlassen und wie stark die Methoden – beispielsweise Appreciative Inquiry – zum Teil schon Eingang in die Besprechungskultur gefunden haben.

Martina Augl reflektiert – im Interview mit Harald Lederer – ihre Erfahrungen aus acht Jahren Organisationsentwicklung bei den Tirol Kliniken. An fünf Standorten arbeiten knapp 8.200 MitarbeiterInnen mit Fokus auf die bestmögliche Behandlung und Pflege der PatientInnen. Beispielhaft stellt Augl einen Routineprozess bei der Neubesetzung von Primariaten vor. Der Wechsel an der Spitze einer Klinik stellt für die Beteiligten immer eine Herausforderung dar. Im Tandem aus interner und externer Beratung begleiten die Tirol Kliniken die ersten Monate nach einer Neuübernahme. Fokus dabei ist die Organisation. Fragen, die dabei leiten, sind beispielsweise: Was sind unsere Stärken als Abteilung/Klinik? Was wollen wir erhalten – was verändern? Ein gemeinsames Zukunftsbild wird entwickelt, interdisziplinäre Führungsteams installiert und das Rollenverständnis von Führung geschärft.

„Expertenorganisationen tendieren dazu,“ so Augl, „das Thema Führung auszublenden. Menschen erlernen einen Gesundheitsberuf ja deshalb, weil Sie mit PatientInnen arbeiten wollen. Das stiftet Sinn und gibt Energie. Um eine qualitativ hochwertige Behandlung sicher zu stellen, sollten wir aber nicht nur auf die Kommunikation rund um die PatientInnen achten, sondern auch auf regelmäßigen Austausch über die Organisation und die Rolle von Führung.“

Zusammen mit ihrem Team hat Martina Augl die Organisationsanalysen aus mehreren Change-Prozessen ausgewertet und nach gemeinsamen Mustern untersucht. Ergebnisse waren unter anderem, dass Kommunikation im Krankenhaus hauptsächlich informell stattfindet und es wenig Austausch und gemeinsames Verständnis von Führung gibt. Die Ergebnisse der Analyse fließen nun in das Lernen der Gesamtorganisation ein.

Die TeilnehmerInnen – zahlreiche ExpertInnen aus dem Gesundheitsbereich, aber auch Führungskräfte und interne OE-ExpertInnen aus Wirtschaftsunternehmen – diskutierten Fragen wie: Wie gelingt es bei einem Veränderungsprozess, die unterschiedlichen Berufsgruppen an Bord zu bekommen? Wie entsteht Beteiligung? Wie findet man in einem 24/7-Betrieb die Zeit, sich mit Veränderung zu befassen? Wie gehen wir mit Widerständen um?

Ruth Seliger, Gründerin von trainconsulting dazu: „Hochsicherheitsorganisationen wie Krankenhäuser müssen zu jeder Zeit den funktionierenden Ablauf der Organisation sicherstellen. Veränderung sorgt hier aber immer für Störungen und Unsicherheit. Diese Balance herzustellen ist eine große Herausforderung und Führung steht dabei im Zentrum dieses Widerspruchs.“

Bei einem kleinen Buffet fand die Diskussion rege Fortsetzung.

Im Rahmen des Veranstaltungsformats „Insights“ bieten Kunden von trainconsulting Einblick in ihre Change-Projekte. Es richtet sich an Führungskräfte und interne HR- und OE-ExpertInnen und bietet die Möglichkeit zum Austausch und zum Lernen aus den Praxisberichten.

 Der Abend in voller Länge

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Harald Lederer

Harald Lederer

Systemischer Organisationsberater, Wirtschaftstrainer, Experte für Non-Profit, Social Profit und Public & Health Care
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Johannes Köpl

Johannes Köpl

Begleitung von Veränderungsprozessen, Training und Beratung zu Fragen des interkulturellen Managements, Organisationskulturanalysen und Beratung zu organisationskulturellen Fragen, Trainings im Rahmen von Qualifizierungsprogrammen, Beratung in den Bereichen strategisches Personalmanagement, Personal- und Organisationsentwicklung, Begleitung von Teamentwicklungsprozessen
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Ruth Seliger

Ruth Seliger

Geschäftsführende Gesellschafterin von trainconsulting, systemische Beraterin für umfassende Veränderungsvorhaben in Organisationen und Entwicklung von Führung, Mitglied der ÖGGO
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